Kapitalismus-Kritik

Insbesondere in den Jahren zwischen 1896 und 1906 hat sich Christoph Blumhardt sehr kritisch mit der Kapitalwirtschaft seiner Zeit auseinandergesetzt. Die Feder des Kapitalismus ist nach seiner Analyse die sich Ende des 19. Jahrhunderts stetig steigernde Bedeutung der Börsen und des Finanzkapitals:

Das Kapital ist der Tyrann der heutigen Menschen. Es spielt erst seit 100 Jahren diese Rolle, dass der Mensch ohne Geld absolut gar nichts ist. Land und Wald waren früher nicht ein Kapital. In unserer Zeit wird alles zu Geld, alles wird danach geschätzt. Der Teufel des Kapitals, die Spekulation, kommt überall hinein. Und zuletzt kommen wir in Verschuldung. Das ist die Herrschaft des Kapitals.“ (Rede in Bad Boll, 4.11.1899)

Im Zuge der Kapitalisierung aller Lebensverhältnisse kommt es , so Christoph Blumhardt, zu erheblichen Machtverschiebungen in der Gesellschaft. Die Lebensbedürfnisse der Menschen, das also, was einem jedem Menschen zukommen sollte, werden insbesondere für die Menschen den unteren sozialen Schichten massiv infragegestellt. Ziel müsse es sein, die Lebensrechte gerade dieser Menschen wieder herzustellen. Aus diesem Grund machte Christoph Blumhardt  sich für genossenschaftliche Wirtschaftsformen, für einen Abbau der Zölle, für einen Freihandel oder für eine allgemeine Volksbildung als Abgeordneter im Landtag sowie als Sozialdemokrat stark. Ziel ist für ihn nicht der Umsturz, sondern die Befriedigung der allgemeinen menschlichen Bedürfnisse sowie die Bildugn neuer Gemeinschaften:

Wir wollen nicht einen Umsturz, wo alles umgedreht wird, sondern wir wollen den Umsturz, den Jesus angekündigt hat, den Umsturz des Kapitals! Das Kapital ist der Tyrann der heutigen Menschen. … Nun müssen wir im kleinen praktisch vorgehen, dem Kapital den Kopf ein wenig abbrechen. Ich von mir aus will alles tun. Ich schwelge nicht in Reichtümern, ich muss mich tüchtig wehren. Ich helfe dem Kapital den Kopf abbrechen, mit Schaden für mein Geschäft. Aber meine Freunde, das gehört ins Wohltätigkeits-Gebiet, uund damit können wir der Menschheit nicht helfen. … Darum komme ich wieder zurück auf das Zukunfts-Reich; es müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so werden, dass man nicht immer zittert, weil#s einem am Geld fehlt.“ (Rede Bad Boll, 4.11.1899)

Christoph Blumhardt wurde Sozialdemokrat, nahm an den Debatten dieser Partei teil, kritisierte die Art der gegenseitigen Kritik und empfand das Aufbegehren des „Volks“ in den sozialdemokratischen Vereinigungen dennoch als ehrliches Suchen der Betroffenen nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Die sozialdemokratische Bewegung war für ihn ein Ausdruck dessen, was wir heute „Zivilgesellschaft“ nennen. Von ihr erwartete er das Entstehen einer neuen Zeit und Gesellschaft.